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Neuer Fund am Ostentor – das Tor zur Stadt war einst durch einen dritten Wassergraben geschützt

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Bereits im Juli dieses Jahres konnten Archäologen bauliche Überreste des Ostentores, genauer des Vorwerks, sowie Teile des mittelalterlichen Hellwegpflasters dokumentieren. Die Relikte waren im Rahmen von Tiefbauarbeiten für ein neues Leitungsnetz der DEW21 freigelegt worden.

Deutlich erkennbar, die dunkelgrauen Schichten der Grabenverfüllung im Profil und im Planum des Leitungsgrabens. Die Sohle des Wassergrabens wurde bei den Arbeiten nicht erreicht. Denn ausgegraben wird immer nur so viel wie unbedingt durch die Baumaßnahme erforderlich. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)
Deutlich erkennbar, die dunkelgrauen Schichten der Grabenverfüllung im Profil und im Planum des Leitungsgrabens. Die Sohle des Wassergrabens wurde bei den Arbeiten nicht erreicht. Denn ausgegraben wird immer nur so viel wie unbedingt durch die Baumaßnahme erforderlich. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)

Zwischenzeitlich ist es den Fachleuten sogar gelungen mehrere Phasen des gepflasterten Hellwegs aus unterschiedlichen Zeiten freizulegen. Womöglich ist die älteste Pflasterung sogar älter als die Stadtbefestigung selbst. Die abschließenden Auswertungen müssen diese Vermutung aber noch bestätigen.

Jetzt, etwa vier Wochen später, kann die Denkmalbehörde nun mit neuen sensationellen Erkenntnissen aufwarten: „Den Archäologen der Firma LQ-Archäologie ist es gelungen, eine bislang völlig unbekannte, etwa fünf bis sechs Meter breite und ehemals wasserführende Grabenstruktur unmittelbar vor dem Vorwerk des Ostentores zu belegen“, berichtet Ingmar Luther von der städtischen Denkmalbehörde.

Für den Laien kaum erkennbar. Für den Fachmann selbstverständlich: Schicht für Schicht hatte man Mitte des 16. Jahrhunderts den Wassergraben wieder verfüllt. Mit einem dicken Nagel werden die unterschiedlichen Einfüllschichten für das Dokumentationsfoto am Grabenprofil kenntlich gemacht. Unterschiede in Farbe und Füllmaterial liefern dabei die Anhaltspunkte für die Abgrenzung. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)
Für den Laien kaum erkennbar. Für den Fachmann selbstverständlich: Schicht für Schicht hatte man Mitte des 16. Jahrhunderts den Wassergraben wieder verfüllt. Mit einem dicken Nagel werden die unterschiedlichen Einfüllschichten für das Dokumentationsfoto am Grabenprofil kenntlich gemacht. Unterschiede in Farbe und Füllmaterial liefern dabei die Anhaltspunkte für die Abgrenzung. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)

Der Grabenbefund erweist sich als echte Überraschung für die Fachleute, denn in keiner historischen Quelle finden sich Informationen zu einem solchen zusätzlichen Graben vor dem Ostentor. Womöglich liegt der Grund dafür in dem noch immer unvollständigen Bild zur Geschichte der Stadt. Denn mit dem großen Stadtbrand im Jahre 1232 wurde nicht nur ein großer Teil des dicht besiedelten Stadtkerns zerstört, sondern auch ältere schriftliche Überlieferung unwiederbringlich vernichtet.

So beruht das Wissen um das mittelalterliche Dortmund heute unter anderem auf den bildlichen Quellen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert von Derick Baegert, Frans Hogenberg und Detmar Mulher sowie den Ergebnissen, die im Rahmen der vielen Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte auf dem Wallring erzielt werden konnten.

Damals Abfall, heute wertvolle Hilfe. Was aussieht wie braune unförmige Flecken in der Grabenverfüllung ist in Wahrheit Holz, das beim Verfüllen mit in den Graben gelangt war. Als Füllmaterial hatte man alles verwendet was in der Nähe verfügbar war und nicht mehr genutzt wurde. Heute kann man mit der sogenannten „14C-Methode“ das Alter des Holzes bestimmen, um so weitere Anhaltspunkte zum Alter des Grabens zu erhalten. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)
Damals Abfall, heute wertvolle Hilfe. Was aussieht wie braune unförmige Flecken in der Grabenverfüllung ist in Wahrheit Holz, das beim Verfüllen mit in den Graben gelangt war. Als Füllmaterial hatte man alles verwendet was in der Nähe verfügbar war und nicht mehr genutzt wurde. Heute kann man mit der sogenannten „14C-Methode“ das Alter des Holzes bestimmen, um so weitere Anhaltspunkte zum Alter des Grabens zu erhalten. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)

Über die Jahrhunderte wurde das Ostentor immer weiter ausgebaut. So erhielt das Vorwerk um 1520 zwei Ecktürme, die als Wachhäuschen fungiert haben dürften. Später wurde der östliche Eingang an die südliche Flanke verlegt. Ein äußerer Graben vor dem Ostentor ist jedoch auf keiner der historischen Abbildungen festgehalten.

„Allerdings finden sich Parallelen am Dortmunder Befestigungswerk, die helfen, das Rätsel zu lösen“, erzählt Ingmar Luther. Am Westentor, also dem Pendant des Ostentores, muss ein solches Grabensystem bestanden haben. So zumindest lässt es der Kupferstich von Detmar Mulher vermuten. Offensichtlich hatte man auch hier das Tor durch einen dritten Wassergraben zusätzlich geschützt. „Die über den Hellweg anrückenden Angreifer konnten dadurch nicht ungehindert Leitern an die Tormauern anlehnen, um das Tor zu erstürmen. Stattdessen mussten sie zuerst die Wassergräben vor den zwei Hellwegtoren als großes Hindernis überwinden“, erklärt Luther.

Der ehemals wasserführende Graben hatte ein v-förmiges Profil. Um die notwendige Tiefe zu erreichen, hatte man tief in den natürlichen Lehmboden gegraben. Dank der dunkelgrauen Grabenverfüllung lässt sich der ehemalige Graben hervorragend von dem gelb-grauen Lehmboden abgrenzen. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)
Der ehemals wasserführende Graben hatte ein v-förmiges Profil. Um die notwendige Tiefe zu erreichen, hatte man tief in den natürlichen Lehmboden gegraben. Dank der dunkelgrauen Grabenverfüllung lässt sich der ehemalige Graben hervorragend von dem gelb-grauen Lehmboden abgrenzen. (Bildrechte: Stadt Dortmund / LQ-Archäologie)

Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Vorgraben der Stadtbefestigung aufgegeben. Denn neuartige Verteidigungs- und Angriffswaffen hatten seine Funktion überflüssig gemacht. Die neugewonnene Fläche parzellierte man in Gartenflächen um. Sehr wahrscheinlich wurde in diesem Zuge auch der Wassergraben des Ostentores verfüllt. Keramikfunde aus der Verfüllung des Grabens lassen sich in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts datieren und bestätigen diese Theorie.

Es ist zu erwarten, dass bei den weiteren noch anstehenden Arbeiten am Ostentor weitere Überraschungen an Tageslicht kommen, die noch mehr neue Erkenntnisse zur Dortmunder Stadtgeschichte liefern könnten.