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Forschung auf dem Friedhof: Historischer Verein will jüdisches Leben in Dortmund rekonstruieren

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Spätestens seit dem 19. Jahrhundert und bis zur Zeit des Nationalsozialismus war die jüdische Bevölkerung ein wichtiger Faktor in Dortmund. Wie jüdische Bürger/innen das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben in Dortmund mitgestaltet haben, ist derzeit Thema eines Forschungsprojekts: Unter dem Titel „Jüdische Identität, jüdisches Leben und jüdische Friedhöfe in Dortmund“ erfassen Historiker/innen und Judaist/innen die jüdischen Friedhöfe und Gräberfelder wissenschaftlich, um weitere Forschung zum Thema zu ermöglichen.

Wissenschaftliche Erfassung von Gräbern auf dem Ostfriedhof mit Anna Martin (Steinheim-Institut). Foto: Heike Kollakowski
Wissenschaftliche Erfassung von Gräbern auf dem Ostfriedhof mit Anna Martin (Steinheim-Institut). Foto: Heike Kollakowski

Für das Projekt hat der „Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e.V.“ gut 304.000 Euro Fördermittel aus dem Programm „Heimat. Zukunft. Nordrhein-Westfalen“ des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten.

Dabei möchte der Historische Verein die Zeit vor dem Nationalsozialismus in das Bewusstsein der Menschen rücken. Das wohl größte Zeichen für den damaligen Einfluss, das Engagement und die Präsenz der Juden in der Stadt war die Synagoge, die um 1900 unter Anwesenheit zahlreicher Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung eingeweiht wurde. Heute existiert sie nicht mehr, und auch andere Spuren sind kaum noch zu finden. Der Abschnitt, der heute im kollektiven Gedächtnis Dortmunds präsent ist, ist die Zeit des Holocaust. Diese ist mit Mahnmalen und Stolpersteinen, aber auch dank der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache gut dokumentiert.

Ankerpunkt für die Erforschung der Zeit vor 1933 sind die jüdischen Friedhöfe und Gräberfelder. Sie zeugen von der Bedeutung und der langen Geschichte der jüdischen Gemeinden in Dortmund. Sieben Friedhöfe wurden bereits wissenschaftlich erfasst, nun sind die Gräberfelder auf dem Ostfriedhof und dem Hauptfriedhof an der Reihe: Sie werden derzeit durch das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen wissenschaftlich erfasst. Jeder Grabstein wird fotografisch dokumentiert, die Inschriften transkribiert und gegebenenfalls übersetzt. Dies ist auch deshalb wichtig, weil einige Grabsteine bereits kaum noch lesbar, andere umgestürzt oder gar ganz verschwunden sind.

Die Erfassung der Grabsteine ist die Basis für die weitere Forschung: Welche Persönlichkeiten sind zu finden, die sich durch gesellschaftliches oder politisches Engagement hervorgetan haben? Welche Familien oder Personen haben mit ihren Unternehmen zu Dortmunds wirtschaftlichem Erfolg beigetragen?

V.l. Dr. Stefan Mühlhofer, Christina Steuer, Klaus Winter von der Stadt Dortmund / Kador
V.l. Dr. Stefan Mühlhofer, Christina Steuer, Klaus Winter von der Stadt Dortmund / Kador

Die Ergebnisse sollen in unterschiedlicher Form dauerhaft im Dortmunder Stadtbild verankert werden:

  • Die Ergebnisse sollen in unterschiedlicher Form dauerhaft im Dortmunder Stadtbild verankert werden:
  • Jeder Friedhof bzw. jedes Gräberfeld wird mit einer Informationstafel ausgestattet.
  • Darüber hinaus landen alle Informationen in Text, Bild, Audio und Video auf der Webseite juedische-heimat-dortmund.de, die bereits online ist und langsam wächst.
  • Ein Beitragsband des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. wird sich 2022 ebenfalls dem Projekt widmen.
  • Eine begleitende Veranstaltungsreihe informiert über die einzelnen Projektschritte mit Führungen, Vorträgen und Diskussionsrunden.
  • Außerdem wird didaktisches Material zum Thema für Schüler/innen aufbereitet und zur Verfügung gestellt.